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Die Ordnung der gottesdienstlichen Texte und Lieder hat sich geändert - Anmerkungen zur neuen „Perikopenordnung“

von Prof. Karl Rathgeber

Pfarrer Dr. Klaus Douglass vom „Zentrum Verkündigung“ der EKHN (1) findet einen wunderbaren Einstieg in das Thema der revidierten Perikopenordnung und schreibt: Vielleicht haben Sie sich schon einmal gefragt, wo die vielen Bibeltexte und Lieder im Gottesdienst herkommen: der Eingangspsalm, die Lesungen aus dem Alten und Neuen Testament, das Wochenlied und der Predigttext? Denkt sich die Pfarrerin oder der Pfarrer das jedes Mal neu aus? Die Antwort lautet: Nein. Dafür gibt es die sogenannte Perikopenordnung, die diese Lieder und Texte EKD (2) -weit festlegt. Perikope heißt „Ausschnitt“ (gedanklich zu ergänzen sind die Worte „aus der Bibel“)(3) . Der Brauch gottesdienstlicher Schriftlesungen wurde in der alten Kirche vom jüdischen Synagogengottesdienst übernommen. Listen eines sich herausbildenden Perikopensystems sind früh bezeugt, Perikopenbücher bereits ab dem 8. Jahrhundert. Mit dem 1. Advent 2018 trat nach 40 Jahren eine neue Perikopenordnung in Kraft, der sich auch die EKHN im Rahmen ihrer Mitgliedschaft in der „Union Evangelischer Kirchen in der Evangelischen Kirche in Deutschland (UEK)(4) “ angeschlossen hat. Solche Ordnungen müssen immer mal wieder überarbeitet werden. Leitend ist dabei der Gedanke, gute Traditionen zu wahren. Aber was Menschen früher unmittelbar ansprach, ist uns heute oft unverständlich geworden. Umgekehrt entdecken wir, dass Texte ganz neu zu uns sprechen, die früher unbeachtet blieben (5). In der Perikopenordnung werden u.a. geregelt:
- Der Wochenpsalm,
- die Lesungstexte aus dem Alten und Neuen Testament,
- das sogenannte Wochenlied (bei uns das Lied vor der Predigt),
- der Wochenspruch und
- die Predigttexte
Warum das Ganze?
Doris Joachim, Referentin für Gottesdienst im „Zentrum Verkündigung“ schrieb dazu: Die meisten Pfarrerinnen und Prädikanten halten sich an die Perikopenordnung … meistens jedenfalls. Das ergab eine empirische Studie der Universität Leipzig. 97% gaben an, sie wählten immer oder fast immer die Texte der Perikopenordnung. Sie wünschten sich zwar ein paar Änderungen, was ja inzwischen auch erfolgt ist. Aber sie empfinden es als Chance und Herausforderung, nicht immer nur ihre Lieblingstexte zu predigen, sondern sich dem Bibelwort auszusetzen und Neues zu entdecken. In der EKHN gibt es keine Verpflichtung, sich an die Perikopenordnung zu halten. Es wird aber in der „Lebensordnung “(6), die das gottesdienstliche Leben in der EKHN beschreibt und zum Teil auch regelt, empfohlen, sich an den Texten der Perikopenordnung zu orientieren (7). Und noch etwas: Die Perikopen verbinden uns miteinander. Da wird in rund 17.000 Gottesdiensten deutschlandweit an einem Sonntag über denselben Bibeltext gepredigt. Auch so kann sich die Gemeinschaft der Heiligen abbilden, von der im Glaubensbekenntnis die Rede ist (8).
Was hat sich geändert?
Bei der Revision kommen vermehrt Texte vor, die über Frauen erzählen. So gibt es jetzt in der Perikopenordnung Texte aus dem Buch Rut und z.B. die Erzählung über Schifra und Pua im 2. Mosebuch, zwei Hebammen, die sich dem Befehl des Pharao verweigerten, alle israelitischen Jungen zu töten.
Die Perikopenordnung ist auf Bibeltexte mit antijüdischen Aspekten hin untersucht worden, davon sind einige weggefallen, wie z.B. an Reminiszere Mt 12,38/42. Dort werden die Juden als „böses und ehebrecherisches Geschlecht“ bezeichnet.
Es gibt nunmehr eine größere Zahl alttestamentlicher Texte – ihr Anteil wurde verdoppelt – und eine größere Vielfalt von biblischen Büchern und Themen. Die Predigtreihen wurden so gestaltet, dass an einem Sonntag ein Evangelientext an der Reihe ist, am nächsten ein Episteltext (9) und dann ein alttestamentlicher Text.
Statt bisher nur einem wurde die Anzahl der Wochenlieder verdoppelt, sodass für jeden Sonntag eine Auswahl möglich ist.
Die auffälligste Änderung ist die Neuregelung der - abhängig vom jeweiligen Ostertermin - schwankenden Zahl der Sonntage ab Epiphanias bis zum ersten Sonntag der Passionszeit. Die Epiphaniaszeit endet jetzt jeweils mit der Woche, in der der 2. Februar, der Tag der Darstellung Jesu im Tempel (Lichtmess), liegt(10). Auf das Fest der Erscheinung des Herrn (Epiphanias) folgen nun in der Regel vier Sonntage nach Epiphanias; danach nun ein bis fünf „Sonntage vor der Passionszeit“. Sie werden rückwärts als 5., 4., 3. (= Septuagesimä), 2. (= Sexagesimä) und 1. Sonntag vor der Passionszeit (= Estomihi) gezählt.
Für den 10. Sonntag nach Trinitatis sind in Zukunft zwei alternative Themen vorgesehen: eines, das der bleibenden Nähe von christlicher Kirche und Israel gewidmet ist (liturgische Farbe: grün), und ein anderes, wonach der Tag wie bisher als Gedenktag der Zerstörung Jerusalems begangen wird (liturgische Farbe: violett).
Ebenso hat der Letzte Sonntag des Kirchenjahres ein doppeltes Proprium (11), einerseits als Ewigkeitssonntag, an dem die Gemeinde auf die Wiederkunft Christi und das Leben im Reich Gottes vorausblickt, andererseits als Totensonntag (bisher: Gedenktag der Entschlafenen), der dem Gedenken an die Verstorbenen und dem Trost für die Trauernden gewidmet ist.
Veränderungen hat es auch bei den „unbeweglichen Festen und Gedenktagen der Kirche“ gegeben. Dort sind der 27. Januar als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus und der 9. November als Tag des Gedenkens an die Novemberpogrome mit eigenen Texten und Liedern hinzugekommen. Auch die beiden populärsten Heiligen wurden in die Liste der Gedenktage aufgenommen: Bischof Martin von Tours am Martinstag, dem 11. November, und Bischof Nikolaus von Myra am Nikolaustag, dem 6. Dezember.
Für die Durchführung dieser neuen Ordnung wurden drei neue Bücher herausgegeben:
Das „Lektionar“ - das Buch zum Vorlesen für die Verwendung im Gottesdienst, herausgegeben u.a. von der UEK (s.o.). Es enthält die drei biblischen Lesungen und die drei zusätzlichen Predigttexte jedes Sonn-, Fest- und Gedenktags, dazu den jeweiligen Spruch, Gebetspsalm und Halleluja-Vers, schließlich die Angabe der beiden Lieder.
Die „Liturgische Konferenz in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)“ hat das sogenannte „Perikopenbuch“ herausgegeben – als häusliches Vorbereitungsbuch für PfarrerInnen, KirchenmusikerInnen und LektorInnen. Es bietet die biblischen Texte im selben Seiten- und Zeilenspiegel wie das Lektionar und enthält darüber hinaus knappe Einführungen zu jedem Sonn- und Feiertag des Kirchenjahres, die den jeweiligen Text-, Klang- und Farbraum eines Propriums charakterisieren.
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat ein Ergänzungsheft zum Evangelischen Gesangbuch (EG.E) herausgeben. Es enthält eine vollständige Sammlung der Texte für das Psalmgebet der Gemeinde. Außerdem sind im Ergänzungsheft die etwa dreißig neuen Lieder der Woche bzw. des Tages abgedruckt, die im Stammteil des aktuellen EG nicht enthalten sind.
Wo finde ich die Texte und Lieder der neuen Perikopenordnung?
Es gab eine einfache Möglichkeit, sich über das Proprium eines jeden Sonntags zu informieren, nämlich der „Liturgische Kalender“ unter Nummer 954 in unserem EG (12). Doch diese Ordnung ist nun jetzt revidiert worden. Man kann die neue Ordnung (derzeit nur) im Internet unter
www.perikopen-evangelisch.de (Seite noch im Aufbau, leider noch nicht vollständig) und www.kirchenjahr-evangelisch.de finden.

Erläuterungen der Fußnoten, im Text in Klammern:
1 EKHN = Evangelische Kirchen in Hessen und Nassau, unsere „Landeskirche“
2 EKD = Evangelische Kirche in Deutschland
3 aus „Impuls Gemeinde“ 2/2018, hrsg. vom Zentrum Verkündigung
4 Die UEK ist ein Kirchenbund in der EKD. In ihr sind die Kirchen der „Altpreußischen Union“, der Vereinigung von Reformierten und Lutherischen Kirchen auf dem ehemaligen Gebiet Preußens und andere unierte Kirchen Mitglied
5 Klaus Douglass, o.a.O.
6 „Ordnung des kirchlichen Lebens in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (Lebensordnung)“
7 Ziff. 113: „Wer predigt, soll sich in der Regel an die Ordnung der vorgeschlagenen Predigttexte halten“.
8 www.unsere.ekhn.de
9 Epistel = Brief im Neuen Testament, z.B. von Paulus
10 Ich persönlich empfinde dies auch als ein besonderes ökumenisches Zeichen
11 Proprium nennt man die an jedem Sonntag wechselnden Texte und Lieder, im Gegensatz zum Ordinarium, das sind die immer gleich bleibenden Stücke und Texte, wie Glaubensbekenntnis, Christe du Lamm Gottes u.a.
12 EG = Evangelisches Gesangbuch

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